Sorry not Sorry Frieda Hintze Friederike Hintze

Im Berufsleben, bei der Familienfeier oder im Freundeskreis. Frauen entschuldigen sich andauernd. Laut der Süddeutschen Zeitung stammen sogar 75 Prozent aller Entschuldigungen, die im Alltag fallen, aus einem weiblichen Mund. Und zwar nicht nur dann, wenn die Frau Mist gebaut hat. Im Gegenteil: Oftmals ist das „Tut mir Leid“ ein verklausuliertes „Hab mich lieb“. Doch warum ist das so? Ich versuche mich mal in einer Erklärung…

Sie zum Partner: „Sorry, Schatz, dass ich nochmal nerve, aber denkst Du daran, Milch zu kaufen?“

Sie zum Chef: „Entschuldigen Sie die Störung – haben Sie einen Moment für mich?“

Sie zur Kassiererin: „Verzeihung, ich hab es leider nicht kleiner.“

Natürlich sind das nur alltägliche Situationen. Aber sie sind wohl jeder Frau bekannt. Denn häufig sind es Frauen, die sich entschuldigen. Das bedeutet nun nicht, dass Männer nicht in der Lage sind, ein „Tut mir Leid“ auszusprechen. Dennoch: Das Verhaltensmuster betrifft eher Frauen, zeigen Studien. So fand einer Erhebung der kanadischen Waterloo-Universität im Jahr 2011 heraus, dass sich Frauen deshalb häufiger entschuldigen, weil sie schneller die Notwendigkeit dafür sehen. Männer wiederum finden, eine Entschuldigung ist dann erst gefragt, wenn man(n) tatsächlich Mist gebaut hat. Ansonsten ist das Bitten um Verzeihung ein Zeichen von Statusverlust und Schwäche.

Die weibliche Entschuldigung könnte falsch verstanden werden

Nun entschuldigen wir Frauen uns nicht unbedingt aus einer devoten Selbstwahrnehmung heraus. Wir meinen es eher als Geste der Höflichkeit, der Harmonie oder der Sympathie und gehen davon aus, dass unser Gegenüber es auch genau so wahrnimmt. Das Problem: Genau das ist nicht immer der Fall. Denn oftmals macht sich die Frau durch das dahergesagte „Sorry“  klein. Es ist eine Art „Schuldeingeständnis“, die beim Entschuldigen oftmals mitschwingt. Auch dann, wenn es das Gesagte nur überzuckern soll.

Dass viele Frauen zuvorkommend sein wollen, hat gesellschaftliche Gründe: Hierzulande (und auch in anderen Kulturen), werden Mädchen oftmals dazu erzogen, nett, brav und bescheiden zu sein und das Wohlergehen der anderen immer im Blick zu haben. Jungs wiederum lernen, sich durchzusetzen, aktiv zu sein und Stärke zu zu zeigen. Zwar findet in den letzten Jahren glücklicherweise ein Wandel bei der Erziehungsmethoden hin zu einer Gleichstellung der Geschlechter statt. Doch gänzlich freigemacht haben wir uns von diesen gesellschaftlichen Strukturen noch nicht.

Die unterschiedlichen Arten der weiblichen Entschuldigungen

Dabei gibt es sehr unterschiedliche Arten der weiblichen Entschuldigung, die aus verschiedenen Motivationen heraus entstehen, schreibt die Redakteurin Julia Rothhaas in der Süddeutschen Zeitung: So gibt es die Hab-mich-lieb-Entschuldigung, die dazu dient, Harmonie um jeden Preis herzustellen. Die Tu-mir-nichts-Entschuldigung, bei der primäres Ziel ist, Streit zu vermeiden – insbesondere, wenn unterschiedliche Hierarchieebenen bestehen. Die schlimmste Form der Entschuldigung sei aber die Ich-habe-versagt-Entschuldigung, die vollkommen überflüssig sei – weil sie von einem falschen Perfektionismus herrührt: Die perfekte Mutter, die perfekte Partner, die perfekte Chefin zu sein.

Eine Entschuldigung zeugt auch von Größe!

So verheerend die weibliche Entschuldigung sein kann, so weitreichend und tiefgreifend die Folgen sein mögen, sie hat auch ihre Vorteile. Frauen sind aufgrund ihrer Kommunikation oftmals nahbarer und vor allem empathischer, weiß Kommunikationsexpertin Isabel Garcia. Aus gutem Grund kommen weibliche Führungspersonen oftmals subtiler und eleganter als Ziel, als Männer. Zudem zeugt es von Größe, wenn man in der Lage ist, sich zu entschuldigen. Allerdings nur, wenn einem auch tatsächlich eine Panne unterlaufen ist.

Folgt daraus, dass Frauen die „männlichen“ Verhaltensmuster annehmen und überflüssige „Sorrys“ ablegen? Nein. Das Kopieren von männlichem Verhalten ist lediglich die Reproduktion des Patriarchats und trägt ganz sicher nicht dazu bei, die Rolle der Frau gesellschaftlich zu stärken.  Stattdessen ist Selbstreflektion sicherlich hilfreich. Wann ist eine Entschuldigung zielführend? Wann degradiert sie eher das Gesagte? Überlegt Euch vorab, was die Netto-Botschaft ist und lasst die überflüssige Verpackung einfach weg. Unverblümte Aussagen können ja auch freundlich und zugleich direkt formuliert sein.

Dieser Artikel ist im Original auf O Diaries erschienen!

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