Wie durch die App „Die with me“ unsere zwischenmenschliche Kommunikation stirbt

App Die with me

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Mit der neuen App „Die with me“ kann man den Untergang seines Smartphone-Akkus gemeinsam durchstehen. Wie tief kann unsere Handy-Generation eigentlich noch sinken? Ein Kommentar.

Kennt ihr das Gefühl, wenn man beim Auslöffeln des Lieblingspuddings den Boden des Bechers erreicht? Das ist ein trauriger Moment, weil man dabei zusehen muss, wie es „vorbei“ geht. Ähnlich fühlt es sich an wenn das Smartphone kurz davor ist, aus zu gehen.

Stirbt ein Handy heutzutage, stirbt die menschliche Identität scheinbar gleich mit. Man fühlt sich einsam, leer, verlassen. Abgeschnitten von der Außenwelt – sogar wenn man auf dem Alexanderplatz in Berlin Mitte steht. Zu Zeiten der Titanic musste man noch in sozialer Gesellschaft leiden. Ab jetzt gibt es eine App, mit der man zusammen ins Gras beißen kann. „Die with me“ heißt die App und aktiviert sich, sobald der Ladezustand unter fünf Prozent fällt. Neben dem Nutzernamen erscheint dann ein Countdown, der die verbleibenden Prozentpunkte herunterzählt. Sie kostet 0,99 Euro – ich habe dieses Jahr noch nichts Erbärmlicheres gehört.

Nicht noch ein Kummerkasten für Smombies

Das Schlimme ist ja, dass die App Abnehmer in Form von negativen Rudeltippern findet, die damit einen weiteren Zufluchtsort gefunden haben, um sich über ihr Scheiß Leben auskotzen zu können: „Mein Handy stirbt gleich, OMG was soll ich tun.“ Ich sag’s euch: Was euer Smartphone sicher nicht braucht, ist ein weiterer Chatroom, der als digitale Selbsthilfegruppe fungiert – reichen die Chats mit euren Freunden nicht aus?

Es ist ein gesellschaftlich anerkanntes Phänomen, dass wir uns aktiv Leidensgenossen suchen, um uns immer ausgiebiger beschweren zu können. Im Beschweren sind wir besonders gut. Denn es fühlt sich erst dann richtig gemeinschaftlich an, wenn man zusammen durch eine schreckliche Zeit gegangen ist. Die X-, Y- und Z-Promis aus dem Dschungelcamp machen uns das vor. Aber müssen wir fürchten, in eine halbschwere Depression zu verfallen, weil wir als Generation »Kopf unten« ohne Akku am sozialen Leben teilnehmen müssen? Ich habe Angst vor einer Welt, in der wir “Zwischenmenschliche Kommunikation” auf unserem Handy googeln müssen, um herauszufinden, was das ist.

Bevor wir also alle zu seelenlosen Handysüchtigen verkommen, deren einzige Gemeinsamkeit es ist, bis zum letzten Prozent fixiert in unser Smartphone zu glotzen, lasst uns mal etwas ganz verrücktes tun: Uns nicht beschweren, wenn das Handy ausgeht. Stattdessen einfach mal wieder aufschauen und das Leben um uns herum wahrnehmen. Dafür braucht’s zum Glück noch keine App.