Tai Chi in Berlin

Ich bin wahrlich kein gelassener Mensch. Wohl eher würden Menschen von mir behaupten, dass ich euphemistisch gesagt energiegeladen bin. Wenn ich Sport treibe, will ich mich meist auspowern – beim Spinning, beim Laufen oder beim Hot Power Yoga. Obwohl oder gerade weil ich so oft unter Strom stehe, wollte ich schon immer mail Tai Chi in Berlin ausprobieren. Da kam mir die Empfehlung einer Freundin gerade recht. Sie hat nämlich vor über einem Jahr die Kampfkunst für sich entdeckt. Und so probierte ich das „Schattenboxen“ neulich das erste Mal aus – und zwar bei Meister Frank Adler, in der Tai Chi Schule Dang Lang, über den Dächern Berlins.

Tai Chi in Berlin

Allein dieser Ausblick bringt mich runter. Nach einem stressigen und aufregenden Tag fahre ich mit den anderen Teilnehmern des Tai Chi Anfängerkurses bei Meister Adler in den sechsten Stock, erklimme die letzten Stufen und finde mich daraufhin auf einer wunderschönen, begrünten Dachterrasse mit Blick auf die Zionskirche und manches Berliner Wahrzeichen wieder. Wie herrlich! Hier oben stehe ich nun, atme ein, atme aus, fühle das Gras unter den nackten Füßen und komme etwas zur Ruhe.

Tai Chi in Berlin

Wenn Verbissenheit und Wille an ihre Grenzen kommen

Wie weit ich aber an diesem Abend meine innere Ruhe finden soll, davon habe ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung. Wir beginnen mit Aufwärmübungen, reiben uns den Scheitel, rubbeln uns die Arme, massieren den hinteren Rücken und die Nieren. „Naja“, denke ich in den ersten 15 Minuten – und bin gedanklich schon zu Hause und der Wäsche, die noch zusammengelegt werden will. Dann widmen wir uns den ersten Übungen. Und ich werde fast verbissen, beiße regelrecht die Zähne aufeinander, weil mir die Bewegungen einfach nicht gelingen wollen – und mich Meister Adler korrigiert. Das widerstrebt meinem Kämpfergeist, alles auf Anhieb richtig zu machen.

Tai Chi in Berlin

Immer wieder unterbricht Meister Adler die einzelnen Übungen um zu erzählen, worum es bei Tai Chi wirklich geht. Nämlich darum, sich keine Sorgen darum zu machen, etwas falsch zu machen. Eben nichts zu erzwingen und sich ausschließlich auf die einzelnen Bewegungen zu konzentrieren. Klingt wahrlich einfacher, als es tatsächlich ist. Denn wie widerspenstig der Körper sein kann, wie automatisch und unkontrolliert viele Bewegungen ablaufen – das merkt man beim Tai Chi. Scheinbar einfache, langsame, fließende Übungen fallen mir so schwer. Als gäbe es eine Kraft in mir, die die ganze Zeit nur auf „Beschleunigung“ gepolt ist. Ein inneres Gaspedal, das ich nicht loslassen kann.

Tai Chi in Berlin

Mein erstes Mal Tai Chi in Berlin – und ich bin kurz im Zen

Doch dann gibt es den Moment, in dem ich loslasse. Ich bin so konzentriert auf meine Übung, ein Blick folgt nicht mehr den Schwalben über den Dächern Berlins. Meine Ohren horchen nicht mehr den vorbeifahrenden Trams nach. Ich achte nur noch auf die Hände, die Füße, meinen Geist – und bin kurz im Zen. Nur Sekunden mag dieser Zustand angehalten haben. Ich erinnere mich nicht mehr. Ein rastloser Gedanke, der dann doch mächtiger war, riss mich bedauerlicherweise raus. Ich bin aber überzeugt, dass genau darin der Zauber beim Tai Chi liegt. Sich darin zu üben, immer wieder in diesen Zen-artigen Moment zu versetzen, wo man nur aus Geist und Körper besteht – und alles um einen herum in Nebel gehüllt wird. Kurzum:

Und danach? War ich trotz meterlangen To-Do-Listen und einem Haufen Wäsche, der auf mich wartete, so gelassen, wie lange nicht mehr. An diesem Abend schlief ich besonders fest und gut. Kurzum: Mein erstes Mal Tai Chi in Berlin wird nicht mein letztes gewesen sein.


Photo by Dawid Zawiła on Unsplash

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