SEX-KOLUMNE | Vergib mir Vater, denn ich habe es mir selbst gemacht

Sex Kolumne

Die Christen in unserer Gesellschaft leben ihre Triebe streng nach Glaubens-FAQs aus. Die Atheisten ziehen sich derweil Pornos rein und toben sich sexuell so richtig aus. Das ist doch unfair. Können vermeintlich unmoralische Fantasien die sexuelle Rettung der Frommen sein? Oder kommt es am Ende uns allen zugute?

Die erste Folge der vierten Staffel von Sex and the City ist nicht nur deshalb eine meiner liebsten Episoden, weil Carrie, Charlotte, Miranda und Samantha beschließen, auf ewig Seelenverwandte füreinander zu sein. Ein kurzer Nebenplot handelt auch von Samanthas heißen Sex-Fantasien über einen Priester. In wilden Gedanken an ihren „Bruder Fuck“ legt sie immer wieder selbst Hand an und lässt ihren Höhepunkt mit einem lauten „Halleluja“ frei.

Charlotte findet die Selbstbefriedigungs-Attacken ihrer Freundin höchst unmoralisch und lässt sie das wissen. Doch Samantha winkt ab: „Er ist mein Fantasie-Objekt und ich kann zu jedem masturbieren, der mich erregt.“

Selbstbefriedigung = Sünde?

Auch wenn Samantha gewohnt taff reagiert – anregend sind Fragen über das Verhältnis der Kirche zum Sex allemal: Ist der orgasmische Ausruf “Oh mein Gott – Jaa!” etwa schon christliche Sünde?

Die Bibel stellt klar, dass es bei der Sexualität viele Sünden gibt, äußert sich aber undeutlich zur Masturbation. Zitate würden an dieser Stelle zu weit führen; man beachte aber die Strophen im Buch Genesis, lese über das Paradies, über den Genuss der verbotenen Frucht, über die anmutige, aber verruchte Schlange, über den nackten Adam und die nackte Eva. Wie soll man da keine amourösen Fantasien entwickeln?

Auch wenn die Kirche es sicher nicht schätzt, dass wir den Beichtstuhl in unserer Fantasie zweckentfremden: die Gedanken bleiben ja doch frei und unmoralische Vorstellungen verlockend. Vielleicht sollten wir alle uns in der Hitze der Selbstbefriedigung ein bisschen göttliche Präsenz vorstellen. Beispielsweise in Form eines himmlischen Voyeurs, der unser Onanie-Spiel von oben beobachtet. Und wenn wir dann soweit sind, können wir laut unsere Sünde bekennen: Vergib mir Vater, denn es war geil.


Louise et Hélène Carina KaiserCarina Kaiser ist gebürtige Kölnerin und leidenschaftliche Frühaufsteherin. Ihre Liebe für die Domstadt teilt sie seit 2014 auch mit Berlin, wo sie als freie Autorin unterwegs ist. Am liebsten beschreibt sie ihre aktuelle Gefühlslage mit Gifs von Emma Stone.