KOLUMNE: SEX, DRUGS & TOFUWURST | VW Würstel und andere Schweinereien

Sex, Drugs & Tofuwurst

Was haben ein Automobilhersteller und millionenfach produzierte „Currybockwürschte“ miteinander zu tun? Die Antwort: Sehr viel. Problematisch wird es nur, wenn eines der zwei deutschen Lieblingsprodukte ein Imageproblem bekommt. Schlimmer noch: beide.

Wir Deutschen lieben ja Zahlen, Daten und Statistiken. Ihr wollt Beweise? 7,2 Millionen Würste liefen im Jahr 2015 beim Autohersteller Volkswagen vom Fließband, berichtete kürzlich die Deutsche Presse Agentur (dpa). Ja, richtig: Würste, nicht Autos! Ganz so, als gäbe es bei VW aktuell keine anderen Probleme. Insgesamt waren das, so die dpa weiter, knapp eine Millionlange Lümmel mehr als im Vorjahr. Der Absatz des Kernprodukts der Marke hingegen sank 2015 von 6,12 auf 5,82 Millionen produzierte Autos. Genug der Zahlen für mich. Interessanter finde ich die Geschichten dahinter. Und: Mir gefällt, wenn Werbeslogans auf Tatsachen fußen. „Volkswagen – mehr als ein Auto“, passt. Denn: Wurst gibt es da auch noch. Und das offenbar ziemlich erfolgreich.

Wurst seit 1973

Und das bereits seit 1973. Die Currybockwurscht – auf das „bock“ wird Wert gelegt – mit hauseigenem VW-Ketchup gehört bei dem Automobil-Fabrikanten seit vielen Jahren zur Corporate Identity. Anfangs stammten sogar die Schweine aus eigener Produktion, ebenso gab es hauseigene Metzger. Inzwischen ist die Mast aber ausgelagert. Alles zu viel Schweinkram für einen Autobauer? Wer weiß. Apropos Schweinkram: Wie eingangs angedeutet und weitgehend bekannt, macht VW in jüngster Zeit ja eher in Sachen „Abgasskandal“ von sich reden. Bodenständiges-Heimatliebe- Wurstimage hin oder her – Umweltsauereien gehören beim Automobilkonzern genauso zur Firmenidentität.

Vegane BWLer

Dabei sollten moderne Konzerne dem Zeitgeist entsprechend doch ganz anderen Adjektiven genügen. „Nachhaltig!“ „Ökologisch!“, „Verantwortungsbewusst!“, so müssen Big Player sich heute geben Attribute, wie sie auf einen „Vegan-Food-Manager“ nicht besser passen könnten. Denn neben „Körperpflege“ und „Technologie der Kosmetika und Waschmittel“ gibt es in Deutschland nun auch einen Studiengang für Veganer. Vom Wintersemester an können Interessierte an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) mit einem Bachelor in „Vegan Food Management“ abschließen. Lehrgebiete: Ernährung, Tierschutz, Unternehmensführung.

Aufstand der Metzger

Ob VW sich vielleicht mal um einen dieser grünen BWLer bemühen sollte? Schaden könnte es dem ramponierten Image nicht. Immerhin: Einen Vorstoß in die pflanzliche Richtung gab es beim Autobauer bereits. „Vital, vegetarisch und vegan“ lautete vor rund einem Jahr der Slogan zu einer Veggie-Kampagne in den Restaurants der Autostadt. Prompt protestierten etliche Bauernverbände der Region – die wütende Folgegeneration der Metzger von 1973! Auf Protestplakaten stand VW ab sofort für „Vegan-Warrior“. Und das, obwohl die meisten der in den Restaurants servierten Gerichte weiterhin Fleisch aus regionaler Produktion enthielten. Wie sollte man die aufgebrachte Landbevölkerung nun also beschwichtigen? Richtig: Wurstproduktion hochfahren. Und so kommen wir wieder zu den Zahlen vom Anfang dieses Textes. Und zu ihren Geschichten dahinter.


Christina HollsteinChristina Hollstein ist leitende Redakteurin beim Reise-und Gourmetmagazin SAVOIR-VIVRE und schreibt über die Leiden des jungen Vegetariers – zwischen den Töpfen der gehobenen Küche. Denn ein wenig befremdlich fühlt es sich für sie immer noch an: Vegetarier-Sein ist Trend geworden. Nie gab es so viele Veggies  – und so viele Veggie-Gegner. Und Christina dazwischen. Was man von dieser Perspektive aus erlebt, ist oft mehr als einfach nur bizarr. Aber auch lustig. „Du bist was du isst“ ist zum Gesellschaftsthema geworden. Und darüber schreibt sie. Denn die schönsten Dinge des Lebens sind sowieso vegetarisch: Sex, Dessert und Winzersekt

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