KOLUMNE: SEX, DRUGS & TOFUWURST | Ovo-Lacto- Lederschuhtarier

Sex, Dugs and Rock'nRoll

Mein Name ist Christina und ich habe ein Problem: Ich habe es immer noch nicht geschafft, mich von meinen Schuhen zu trennen. Und von meinen Büchern, meinem Bett und meinen Bildern. Als Tierschützer_in im kulinarischen Sinne muss man sich regelmäßig die ewig gleichen Testfragen gefallen lassen. Fisch? Nein, warum auch. Käse? Ja, zu lecker. Eier? Nur wenn ich das Huhn auf dem Biohof vom Schlafzimmerfenster aus persönlich gackern höre. Doch dann folgt der Dolchstoß, die finale Attacke sozusagen: Uuuund Lederschuhe? Ja, verdammt. WARUM? Weil ich ein wankelmütiges Fashionopfer-Tiermörderschwein bin. Jetzt ist es raus. Durchatmen.

Dogmatisch schwacher Standpunkt

Ja, Vegetarier sein ist inkonsequent. Ich muss mir das hier mal offen eingestehen. Mein Name ist Christina und ich bin, verdammt noch mal: Ovo-Lacto Lederschuhtarier. Aber muss ich deshalb jetzt auch wieder anfangen, Fleisch zu essen? Zwar wird uns Pflanzenfressern immer wieder gern quasireligiöser, dogmatischer Fanatismus vorgeworfen – und trotzdem werden wir am Ende erneut für unseren schwachen Standpunkt kritisiert. Ein Paradoxon.

Fast nackt

Doch was viele unserer Testbefrager gar nicht wissen: Die Liste der nicht veganen Alltagsgegenstände ist bei den schicken Lederschuhen längst nicht zu Ende. In Möbeln und Büchern steckt Knochenleim, für Daunendecken und -kissen werden Gänse gerupft. Lebend. Weine klärt der Winzer mit Fischblasen-Protein, der Moschus im Parfum stammt vom Ochsen. Der Schock für alle Beautyqueens: Selbst das Hyaluron vieler Tagescremes wird aus der Nabelschnur von Tierbabys gewonnen …

Aufhören, sagt ihr? Verstehe ich. Obwohl es wohl noch lang so weitergehen könnte. „Fast nackt – mein abenteuerlicher Versuch ethisch korrekt zu leben“, heißt das Buch von Leo Hickman, der in einem Selbstversuch testete, dieses gesamte Register ökologisch einwandfreier Lebensweisen zu befriedigen. Der Titel verrät, wie leicht ihm dies gefallen ist.

Insektenschluckende Vegan-Nazis

Die Schwierigkeiten, die einem das Leben im völligen Einklang mit den Geschöpfen der Natur bereitet, sind wohl auch der Grund dafür, dass Veganer häufig verdächtigt werden, ausschließlich von Luft und Liebe zu leben. Schließlich blieben für den „Salat-Nazi“ wenn überhaupt nur Staub, Stein und Sand auf dem Teller zurück. Pflanzenfresser könnten, so die Vegan-Kritiker, schließlich auch bei Moos, Laub und Gras nie ganz sicher sein, ob Halm oder Blattwerk nicht doch Gefühle entwickle. Ganz zu Schweigen von all den Insekten, die jeder Veganer Zeit seines Lebens im Schlaf verschlucke – „echt“ vegan leben gehe nämlich gar nicht. Ätschbätsch.

Wohlstandsverzichtler

Und was sagt uns das alles? Lederschuhe hin oder her – die Leute finden immer was zum Meckern. Vegetarismus und Veganismus seien nämlich insgesamt Luxusprobleme, so die Kritik. Stimmt ja auch. In unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft genießen wir alle den Luxus, uns frei für eine Lebensform entscheiden zu dürfen. Und was für ein Glück: Sogar wenn sie modische Schuhe beinhaltet.


 

Christina HollsteinChristina Hollstein ist leitende Redakteurin beim Reise-und Gourmetmagazin SAVOIR-VIVRE und schreibt über die Leiden des jungen Vegetariers – zwischen den Töpfen der gehobenen Küche. Denn ein wenig befremdlich fühlt es sich für sie immer noch an: Vegetarier-Sein ist Trend geworden. Nie gab es so viele Veggies  – und so viele Veggie-Gegner. Und Christina dazwischen. Was man von dieser Perspektive aus erlebt, ist oft mehr als einfach nur bizarr. Aber auch lustig. „Du bist was du isst“ ist zum Gesellschaftsthema geworden. Und darüber schreibt sie. Denn die schönsten Dinge des Lebens sind sowieso vegetarisch: Sex, Dessert und Winzersekt

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