KOLUMNE: SEX, DRUGS & TOFUWURST | ARMES WÜRSTCHEN

Sex Drugs and RocknRoll

Kinder, endlich kann ich zugeben, was ihr lange vermutet habt: Ich bin homotofuell! Geoutet habe ich mich natürlich nicht freiwillg, sondern ein lieber Partygast auf einem Grillfest. Und auf einem solchen kann man sowieso die schönsten Geschichten erleben!

Gerade jetzt im Hochsommer kriegt man diese Frage ja oft gestellt: Was macht ein Vegetarier eigentlich auf einem Grillfest? Tja. Satt werde ich zumindest immer. Leicht habe ich es deshalb trotzdem nicht. Sie finden, ich quengele? Naja. Es ist ja nicht so, als  würde ich regelmäßig versuchen, rohes Fleisch vorm Ertrinken in Marinade zu retten um es dann Mund zu Maserung wiederzubeleben. Ich bin kein Grillfest-Crasher. Im Gegenteil: Ich mag es, zu grillen. Essen am offenen Feuer, das ist so ursprünglich, so natürlich, so gesellig. Ich freue mich über jede Einladung, wirklich!

Es geht um die Wurst

So war ich vor einiger Zeit bei lieben Menschen zum Grillfest mit Lagerfeuer und kompletter Nachbarschaft geladen. Mit Nachbarn ist es ja wie mit der eigenen Familie: man kann Sie sich nur bedingt aussuchen. Kaum im Garten angekommen, beginnt also die Jagd auf die arme Wurst. In diesem Fall: mich. Die Gastgeber nämlich – um meine außergewöhnlichen Ernährungsgewohnheiten wissend – hatten sich im Vorfeld mit Fleischersatzprodukten ausgerüstet. Ein lieber Gedanke! Das, was daraus folgte, konnte niemand erahnen – nicht mal ich. „Wann ist die Tofuwurst denn fertig?“, ruft also der Gastgeber quer durch den Garten in meine Richtung, „bei den Dingern erkennt man das ja immer nicht so richtig!“. Der hat gesessen. Stille. Köpfe drehen sich, ich erkenne leichtes Schütteln. Viel zu viele Augen scheinen plötzlich auf mich gerichtet zu sein. „Ich bin enttarnt!“, durchströmt es mich. Das ältere Nachbar-Ehepaar am Grill beäugt währenddessen kritisch den lehmartigen Schlauch-Bratling auf dem Rost.

Tofu macht homo

„Dü bisd jah vergäahrd rüm!“, sächselt der Nachbar mit Walross-Schnäuzer und Hut. „Ähhm, okaaay“, stottere ich total überrumpelt, habe ich doch gerade erst fünf Minuten zuvor den Garten betreten und noch nicht mal jedem die Hand geschüttelt. Doch ehe ich mich gegen den Vorwurf der Homo-Tofu-alität wehren kann, fällt mir seine Frau ins Wort. „Günn isch des mol brhöbi`an?“, fragt sie, ohne auch nur zu versuchen, den Ekel in ihrem Gesichtsausdruck zu verbergen. Nun gut, ich habe zwar einen Mordshunger, die Menge der vegetarischen Lebensmittel ist wie auf jedem Fleischfresser-Fest streng limitiert, aber „brhöbi`an“ kann sie ja mal.  „Klar“, sage ich sichtlich verwirrt und schon landet mehr als die Hälfte des Sojaprodukts auf ihrem Teller.  Mit spitzen Fingern nimmt die Dame die Wurst, verschlingt sie, kneift die Augen zusammen und schüttelt sich – als äße ein Asia-Tourist zum ersten Mal einen lebenden Mehlwurm. „Dah würst jah grang von“, konstatiert der Walross-Schnäuzer und freut sich über diese medizinisch sicherlich belegte Erkenntnis. Ja, genau denke ich – und von Salat schrumpft der Bizeps.

Tierfleisch-Plagiate

Ich beginne nach einem großen Schluck Wein Ausschau zu halten und bewege mich rüber zu dem Tisch mit den Getränken. „Wieso isst du überhaupt etwas, das Tierfleisch imitiert?“, beschwert sich prompt der nächste weibliche Gast bei mir. „Bitte?“, frage ich noch etwas verwirrter. Immerhin habe ich selbst noch keinen Bissen gegessen, geschweige denn die verdammte Wurst des Anstoßes in diesen scheinbar immer enger werdenden Garten geschleust. „Naja“, sagt sie, „echte Vegetarier grillen Gemüse!“. „Ok, ach so“, sage ich, die Pseudo-Vegetarierin. Ich bin bereits zu kraftlos, um mich zu wehren. Wobei die Dame ja auch Recht hat: Soja-Steak, Soja-Knacker, Soja-Schnitzel, Soja-Geschnetzeltes, Soja-Gyros, Soja-Burger… Menschen, die fleischlose Gerichte entwickeln, sind sicher alles, aber keine Vegetarier.

Warum plagiieren?

Klar, wenn die armen Schweine schon kein Fleisch essen dürfen, dann sollen die Sojabrocken wenigstens so aussehen wie totes Tier. Ich frage mich: Warum plagiieren vegetarische Lebensmittel so oft Fleischprodukte? Man schreit doch auch nicht nach freier Liebe und trägt dann eine Burka! Und wieso überhaupt immer wieder diese lehmigen, geschmacklosen Konsistenzen? Kein Wunder, dass man uns für solch` leidenschaftslose Genussfeinde hält, wenn die Supermarktregale voll sind mit diesen in verschiedene Formen gepressten Matschklumpen. Dabei gibt es für Vegetarier auf dem Grillfest so viele tolle Alternativen: Grillkäse und leckerer, knuspriger Halloumi zum Beispiel. Man kann so gut wie jedes Gemüse grillen: gefüllt, mariniert, bekräutert, umwickelt – es gibt tausend Möglichkeiten. Oder wie wäre es mit der guten alten Back-oder Grillkartoffel, die lieben alle, nicht nur Vegetarier. Sogar Obst als Dessert funktioniert auf dem Grill. Und natürlich vieles, vieles mehr.

Das Beste am Feste

Selbst wenn der Gastgeber mal überhaupt rein gar nichts Vegetarisches vorbereitet haben sollte, finde ich auf jedem Grillfest etwas, was mich glücklich macht: Ein schönes, kaltes, frisch gezapftes Bier. Denn das kann man in Anwesenheit des einen oder anderen Partygasts auch wirklich gut gebrauchen.


Christina HollsteinChristina Hollstein ist leitende Redakteurin beim Reise-und Gourmetmagazin SAVOIR-VIVRE und schreibt über die Leiden des jungen Vegetariers – zwischen den Töpfen der gehobenen Küche. Denn ein wenig befremdlich fühlt es sich für sie immer noch an: Vegetarier-Sein ist Trend geworden. Nie gab es so viele Veggies  – und so viele Veggie-Gegner. Und Christina dazwischen. Was man von dieser Perspektive aus erlebt, ist oft mehr als einfach nur bizarr. Aber auch lustig. „Du bist was du isst“ ist zum Gesellschaftsthema geworden. Und darüber schreibt sie. Denn die schönsten Dinge des Lebens sind sowieso vegetarisch: Sex, Dessert und Winzersekt.

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