Interview: Auf einen Kaffee mit Lasse Matthiessen Teil II

Lasse Matthiessen Interview Tour Deutschland

Am 26. Januar geht Lasse Matthiessen (hier auf dem Telekom Street Gig) auf Deutschlandtour | Foto: Markus Nass

Schon in wenigen Wochen, genauer gesagt am 26.01, startet in Berlin die Deutschlandtour des Musikers Lasse Matthiessen (alle Tourdaten findet ihr unten im Text). Das nehmen wir zum Anlass, um endlich den zweiten Teil des Kaffee-Gesprächs zwischen unserer Autorin Isa und Lasse zu veröffentlichen. Diesmal geht es um Schreibprozesse, Gefühle und den persönlichen Musikgeschmack.

von Isabelle Rogge

Isa: Hast du einen bestimmten Schreibprozess? Kommt erst der Text und dann die Melodie oder anders herum? Wie läuft das ab?

Lasse: Mit der Musik geht es oft sehr schnell. Ich verspiele mich und denke: „Wow, das klingt geil. Das ist ein neuer Song.“ Oft weiß ich sofort: „Okay, das hier ist was.“ Dann singe oder spiele ich sofort etwas ein. Dann lasse ich es wieder und trinke einen Kaffee, dann spiele ich es nochmal, dann esse ich… Dann spiel ich es nochmal. Wenn ich es mit meinem Handy aufgenommen habe, höre ich es mit den Kopfhörern auf der Straße, wenn ich zu irgendjemandem gehe oder in der S-Bahn. Dann habe ich es immer dabei. Und so bearbeite ich es. Ich wache auf, habe es die ganze Nacht geträumt und merke es erst, wenn ich meinen Morgenkaffee trinke. Die Songs kommen ziemlich schnell zu mir. Im Moment habe ich auf meinem Handy wahrscheinlich 180 kleine Aufnahmen und vielleicht sind das 100 Songs. Vielleicht sind es mehr. Es sind unterschiedliche Versionen.

Isa: Und die Texte?

Lasse: Mit den Texten ist es eine andere Sache. Das dauert oft länger. Besondere Typen von Songs, die eher traditionelle Songwriter-Folk-Songs sind, da kommen schnell Texte zu mir. Aber neue Sachen, zum Beispiel von der Wildfires Platte, da waren ganz viele Formate neu für mich. Da kann ich nicht auf die gleiche Art und Weise singen und auch nicht die gleichen Texte dafür schreiben. Das hat lang gedauert. Und wenn etwas kommt, genauso wie mit der Musik, dann muss ich es einfach nehmen, schnell schreiben und irgendwo hinlegen.

Isa: Merken deine Freunde auch manchmal, wenn ihr unterwegs seid, dass du gedanklich gerade einfach woanders bist?

Lasse: Ja, total. Wenn man mich nicht kennt denkt man sich vielleicht: „Was ist los mit ihm?“ Aber meine Freunde wissen: „Jetzt ist Lasse erstmal weg. Wir sitzen in einer Bar, aber der braucht jetzt eine halbe Stunde für sich und dann ist er wieder da.“ Deshalb habe ich auch immer mein kleines Textbuch dabei. Wenn ich einen Text habe, dann singe ich ganz lange. Singe, singe, singe bis irgendwann die ganzen überflüssigen Details weg sind.

Isa: Kannst du ein Beispiel geben?

Lasse: Seven Ravens… Wenn du die erste Version gehört hättest, dann hättest du gesehen, dass der Text drei Mal so lang war. Und da war es dann auch so: „Ist es jetzt
Ravens oder ist es ein anderer Vogel?“ Und so ist es mit allen möglichen Sachen. Manchmal lese ich irgendetwas, ein Gedicht, ein Buch… Heute habe ich z.B. das Buch der Toten Hosen im Geschäft gesehen: Am Anfang war der Lärm. Und ich dachte „Wow.“ Das hat mich total geflasht. Dann habe ich aufgeschrieben: „In the beginning there was nothing but noise“. In meinem Handy da gibt es halt ganz viele Textzeilen [Lasse holt sein Handy hervor]… zum Beispiel hier: „I swallow your feathers, the swallows hit the sky and flux they cross the ocean“ und dann guck ich manchmal rein und schau halt :“Okay da ist eine Line, den einen Teil mag ich gerne. Der Rest ist halt scheiße… Okay nächste: „Something is shining…“ Vielleicht stehe ich irgendwo und habe ein Bier getrunken. Ein Bier zu viel [lacht] und dann steh ich draußen und denke „Oh, das hier ist geil!“ Und schreib’s auf. Und den Tag danach gucke ich mal rein und denke „Das war ja eigentlich nicht so geil.“

Lasse Matthiessen Interview

Lasse und Isa vertieft ins Gespräch | Foto: Luisa Bilke

Isa: Du wirst oft darauf angesprochen, dass deine Lieder so traurig sind. Das kann man, wenn man dich so erlebt, vielleicht kaum glauben, weil du so ein fröhlicher Mensch bist.

Lasse: Ja, das ist immer etwas wo ich mich über mich selbst lustig mache. Aber ich finde eigentlich, wenn ich ehrlich sein soll, nicht, dass meine Songs unbedingt sehr traurig sind. Für mich sind sie einigermaßen melancholisch… Dadurch, dass ich diese Gefühle laut singen kann, kriege ich viel Energie und es macht mich fröhlich.

Isa: Mich machen deine Songs nicht unbedingt traurig, aber ich habe schon den Eindruck, dass es Erlebnisse sind, die dich persönlich sehr stark berühren.

Lasse: Das ist genau was ich eigentlich möchte bzw. was ich nicht lassen kann, mit Gefühlen zu arbeiten und mit Themen zu arbeiten, die irgendwie tiefer gehen als nur so. Ich hab versucht Songs zu schreiben, die leicht sind, die irgendwie Spaß machen. Aber nach zwei Mal spielen ist es mir zu viel und es wird mir langweilig. Dass andere Leute das machen finde ich schön. Ich mag es sehr wenn Leute auch viel Humor in ihren Songs haben. Aber so geht es nicht für mich und meine Musik. Das ist mir nicht wichtig genug.

Isa: Die Frage nach Wertigkeit von Musik ist heutzutage ein wichtiges Thema. Du hast für das Album auch eine Crowdfundingaktion gemacht. Warum?

Lasse: Man muss es nicht machen, aber es ist eine ganz besondere Gelegenheit um Musik rauszubringen. Selber, direkt mit den Leuten in Kontakt zu sein. Und das finde ich cool. Also irgendwie ist es demokratisch gesehen, wenn man das so nennen kann, ein riesen Sprung, weil du mit ganz wenig Geld aufnehmen kannst. Du kannst selber aufnehmen, auch veröffentlichen wie du willst und das ziemlich schnell. Die Frage ist immer noch: Hast du die Netzwerke um bekannt zu werden oder bekannt genug um die richtigen Gigs zu bekommen?

Isa: Glaubst du, dass es ist heute schwieriger ist als Musiker als noch vor ein paar Jahren?

Lasse: Ich hab mit meinem Vater und mit vielen anderen Musikern geredet, die früher Alben veröffentlicht haben. Eine Platte und dann noch mal eine nach 3 Jahren und du warst immer noch im Bewusstsein der Leute. Das geht heute nicht mehr. Du bist so schnell weg. So viel Musik. Und auch so viel gute Musik. Ich weiß nicht, ob es leichter oder schwieriger ist davon zu leben. Ich glaube nicht unbedingt schwieriger, aber man muss mehr spielen, weil die Plattenverkäufe weniger werden.

Isa: Was hörst du gerade so privat für Musik? Was inspiriert dich?

Lasse: Gerade jetzt höre ich eine Schwedin, die heißt Miriam The Believer. Sonst höre ich nicht besonders viel Musik. Ich versuche viel Musik zu hören, aber ich schaffe es nicht immer. Ich hab ein Buch über einen dänischen Maler gelesen und der wird gefragt, an welchen andere großen dänischen Malern er sich orientiert. Und er hat darauf geantwortet, dass er das nicht machen kann. Denn dann müsste er ständig seine eigene Arbeit noch mal überdenken. Und das kenne ich irgendwie. Wenn ich Musik höre muss ich auch darüber nachdenken, ob das was ich mache, ob ich das anders machen muss. Das ist ein sehr guter Prozess, aber manchmal auch zu viel.

Lasse Matthiessen Tour Interview

In Berlin startet Lasse Matthiessen seine Deutschlandtour | Foto: Markus Nass

Isa: Ab dem 26. Januar geht es dann wieder auf Tour in Deutschland. Was begeistert dich am meisten wenn du auf Tour bist?

Lasse: Dass ich merke, da passiert im Moment etwas. Es kommen mehr Leute zu den Konzerten und sie sind Fans. Man merkt, es gibt Menschen, besonders in Deutschland, die sehr sehr gerne gute Musik hören und wollen und mich auch irgendwie. Auch in kleinen Kunstvereinen in Bayern zum Beispiel. Dass Leute tatsächlich auch was anderes wollen, als diese riesen Popkultur und wenn man versucht was zu geben, dann merkt man wie viel man zurück bekommt. Dass die Menschen, zum Beispiel zur letzten Tour, zum Teil zwei, drei Stunden gefahren sind um zu unseren Gigs zu kommen. Und das ist sehr schön. Das, merke ich halt, wird mehr und mehr.

Isa: Danke Lasse. Wir sehen uns beim Tourstart am 26.01. in Berlin!

Lasse macht auf seiner Seven Ravens Tour in folgenden Städten halt:

26.01. Berlin, Privatclub
27.01. Hamburg, Prinzenbar
28.01. Bremen, MS Treue
29.01. Düsseldorf, Pitcher
31.01. Leipzig, Moritzbastei
01.02. Münster, Hot Jazz Club
02.02. Köln, Blue Shell
03.02. Frankfurt, Fabrik
05.02. Heidelberg, Karlstorbahnhof
06.02. Tübingen, Sudhaus

Es gibt noch einige Tickets. Wenn ihr ihn nicht verpassen wollt (und das solltet ihr nicht!) gibts die hier schon ab 15 Euro.


ISAIsabelle Rogge ist 2012 nach Berlin gezogen um als Journalistin zu arbeiten. Nach einer Zeit beim Radio ist sie mittlerweile unter anderem Teil der TV Noir Redaktion und studiert Germanistik und Philosophie an der FU Berlin. Wenn sie nicht gerade schreibt, tanzt sie am liebsten Hip Hop oder mit ihrem Hula Hoop.

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