Interview mit Simone Lappert: „Es ist alles in Bewegung“

Simone Lappert Interview

Die einen zeigten sich begeistert, die anderen kreideten Simone Lappert Oberflächlichkeit im Plot an. Über den Debütroman Wurfschatten der Schweizer Autorin spalteten sich die Kritiker-Geister großer Tageszeitungen. In einem Punkt waren sich die meisten jedoch einig: Lappert versteht es mit Sprache zu spielen. In Wurfschatten erzählt die 30-jährige Autorin die Geschichte der jungen, sonderbaren Frau Ada, die von ihren Lebensängsten gefangen ist. Sechs Jahre hat die Wahl-Berlinerin an ihrem Buch gearbeitet. Im Interview mit Simone Lappert sprachen wir über Perfektionismus und Arbeitsprozesse, über Sinnbilder, „besetzte Leere“ und warum Romanfiguren ein Eigenleben entwickeln.

Vor Wurfschatten hast du ausschließlich Lyrik verfasst. Wie kam es zu dem Roman?

Simone Lappert: Ich habe Prosa und Lyrik immer gleichzeitig verfasst. Das eine hat das andere nie ausgeschlossen. Ich glaube, ein Thema sucht sich seine Formen. Man kann sich vornehmen ein Gedicht zu schreiben. Aber wenn man ein Thema frei lässt, dann wird nicht aus allem ein Gedicht oder ein Roman. Es ist alles in Arbeit und liegt alles auf dem Schreibtisch Es ist immer in Bewegung.

Sind Prosa und Lyrik zwei Prozesse, die sich einander befruchten?

Lappert: Ich weiß gar nicht ob ich das so sagen würde. Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass Lyrik mein Rückzugsort ist. Hier suche ich keine Öffentlichkeit und arbeitenicht auf ein Buch hinaus. Ich denke für den Leser weniger mit.

Du hast einmal gesagt, dass ein gutes Buch eine Art Einladung sei, die man nicht ausschlagen kann. Gilt das auch für Wurfschatten?

Lappert: Ich habe damals gesagt, dass Bücher Einladungen sind, auch wenn man nicht so genau weiß, was einen erwartet. Bei Wurfschatten lade ich den Leser ein, sich auf die ungewöhnliche Welt, auf die Ängste von Ada einzulassen. Bei den Recherchen für Wurfschatten habe ich festgestellt, dass Angst nur schwer in Worte zu fassen ist. Denn die Betroffenen verstehen sich oft nicht selbst.

Angst ein sehr persönliches Thema. Fiel es dir schwer, eine allgemeingültige Bildsprache zu finden?

Lappert: Ich hab nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Wurfschatten ist die Geschichte eines Individuums und keine wissenschaftliche Arbeit. Insofern habe ich das auch nicht als ein Problem empfunden.

Wie kamst Du auf das Thema Angst und Hypochondrie?

Lappert: Ganz am Anfang, bevor Ada Ada hieß, bevor Juri Juri war, bevor die Konstellation zustande kam, hatte ich nur das Bild von einem leeren Zimmer im Kopf. In den Wohnungen und WG’s, in denen ich gelebt habe, faszinierte mich immer der kurze Moment, wenn jemand ein- oder auszieht und das Zimmer komplett leer steht. Es strahlt eine „besetzte Leere“ aus. Ich begann, um dieses Bild herumzuschreiben. Am Anfang gab es eine weibliche Figur, die noch keine Namen hatte. Das waren diffuse Texte über eine Frau auf der Flucht und es war nicht klar, wovor eigentlich. Diese Texte habe ich mit ins Plenum am Institut genommen. Wir besprachen sie immer wieder war die Rückmeldung von anderen Studierenden: „Die hat doch Angst. Warum arbeitest Du das nicht heraus?“

Wie hast Du daraufhin die Figur Ada entwickelt?

Lappert: Ich begann zu recherchieren, machte Versuchsanordnungen und näherte mich langsam der Figur. Mir war klar, dass es eine Art Liebesgeschichte werden sollte. Und ich hätte gern gehabt, dass sich die Frau und der Mann verlieben, aber das hat nicht funktioniert. Die beiden wollten einander nicht haben. Erst als die Angst mehr Platz in meinem Text einnahm, passierte etwas zwischen den beiden. Ich spürte die Reibung und den Schwung der Geschichte und dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Simone Lappert Interview

Haben Figuren eine Art Eigenleben?

Lappert (lacht): Naja, man macht sich einen Plan und manchmal widersetzen sich die Figuren. Wenn man sie lässt, erobern sie das Blatt, auf dem sie sich bewegen. Im besten Fall entwickeln sie ein Eigenleben. Das ist auch das, was Spaß macht –
wenn der Text beginnt zu leben. Was nicht bedeutet, dass man ihn nicht andauernd im Blick behalten muss, damit er nicht zerfleddert.

Du hast sechs Jahre lang an dem Buch gearbeitet. Bist Du eine Perfektionistin?

Lappert: Ein Wort oder eine Satzeinheit haben nicht nur eine inhaltliche Bedeutung. Ein Wort besitzt einen Klang, ein Satz einen Rhythmus. Mit diesen Mitteln kann man genauso viel erzählen, wie über Inhalt. Ich muss immer hören, was ich schreibe. Rhythmus und Klang müssen mitschwingen und richtig gewichtet sein. Das dauert.

Du sagtes einmal, Angst sei „tabuiserend und unsexy“. Ada hingegen ist der Meinung, dass Wunden „den sozialen Marktwert steigern“ und Schwachstellen „aufregend“ sind. Ist das ein Widerspruch?

Lappert: Ich glaube nicht. Ada sagt es mit einer gewissen Resignation. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass an diesem Angstgefühl Beziehungen und Freundschaften zerbrechen. Einen Moment lang ist es interessant, wenn jemand anders ist. Doch den meisten wird es irgendwann zu viel und sie wenden sich ab. Das meinte ich, als ich sagte, dass Angst auf viele Leute unsexy wirkt. Gerade weil sich Leute abwenden, können Betroffene nicht offen sprechen. Angst ist ein Tabu-Thema. Ada vergleicht es mit einer Wunde und dem Pflaster. Solange das Pflaster klebt, ist die Wunde interessant. Hebt man es aber an, wird es eklig. So genau wollte man es dann doch nicht wissen.

Wir erfahren in Wurfschatten nicht, warum Ada diese Angstzustände hat.

Lappert: Ada sagt selbst, sie habe keine Narbe am Körper. Es gibt in ihrer Vergangenheit kein Trauma, womit sie begründen kann: „Deswegen ist das so und deswegen habe ich auch das Recht zur Angst.“ Das macht es für Ada nur noch schlimmer. Sie schämt sich. Genau darum ging es mir: diesen Moment zu beschreiben, wenn jemand nicht weiß, was mit ihm los ist. Eine Diagnose kann eine Art Erleichterung sein. Man kann das Problem in Worte fassen, man kann es einordnen. Mich hat aber das „Davor“ interessiert.

Repräsentiert Ada die so genannten „Generation Y“? Hast du deswegen so wenig über ihre Biographie erzählt?

Lappert: Nein. Ich würde mich nie hinsetzen und sagen: „Ich erschaffe eine Figur, die soll Sinnbild für etwas sein.“ Sinnbild und Allegorie heißen immer Vereinfachung. Ich habe versucht in die Tiefe zu gehen und mich einer Figur in allen Aspekten zu nähern.

Weißt du wie es Ada jetzt geht?

Lappert: Ich habe eine Freundin, die macht gerade ein tolles Projekt das soll heißen Bücher von Freunden. Über Wurfschatten hat sie in einem kurzen Abschnitt geschrieben: „Ada ist bestimmt irgendwo im Campingwagen in einem Erdbeben-Gebiet, zusammen mit Juri, und therapiert sich dort weiter.“ Das fand ich großartig. Seither sehe ich Ada so einem Campingwagen. (lacht)

Das klingt nach Happy End. Auch im Buch gibst du Ada einen Hauch von Happy End. Warum?

Lappert: Für mich ist es kein Happy End. Im Gegenteil: nun fangen die Probleme erst an. Ada ist an einem Punkt, wo sie beschließt, nicht mehr nur die Angst zu umgehen, sondern sich mit ihr auseinanderzusetzen. Ich würde das eher Open End nennen. Ada und Juri versuchen es jetzt zusammen. Aber es ist ein Versuch, kein festgenageltes Ende.

Liebe Simone, wir danken dir für das Gespräch.


Simone Lappert WurfschattenSimone Lappert. Wurfschatten. Roman. Erschienen bei Metrolit. 207 Seiten.

Eine Rezension des Romans Wurfschatten von Frieda.

 

 

 

 


Friederike HintzeFriederike Hintze, oder lieber Frieda, gründete gemeinsam mit Marie von der Heydt den Blog Louise et Hélène. Seit vielen Jahren arbeitet sie als freie Journalistin und Bloggerin im Lifestyle-Bereich. Frieda liebt guten Wein und gute Bücher,  ist am Liebsten unter Freunden oder an der Küste – oder beides – und geht gerne Laufen. Wenn sie für sich ist, guckt sie mehr oder minder heimlich Unter Uns. Und zwar seit der ersten Folge.

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