Generation Beziehungsunfähig | Beziehungsunfähig? „Gefällt mir“!

Generations Beziehungsunfähig Michael Nast

Wer geht eigentlich wirklich zu diesen auf Facebook so gehypten Lesungen von Michael Nasts „Generation Beziehungsunfähig“? Unsere Autorin Christina hat sich das mal angeschaut…

Knallige Headlines kann er: „Tinder für Hässliche“, „Leben ohne Instagramfilter“ und „Aber ihr habt verhütet?“. Und in fetten Leuchtbuchstaben prangt über alledem die Dachzeile: „Generation Beziehungsunfähig“.

Ein Titel der zieht. Als Michael Nast im Frühjahr zum ersten Mal mit seinem gleichnamigen Buch durch Deutschland tourte, hatte nahezu alle meine Hamburger-Single-Bekannten die dazugehörige Facebook-Veranstaltungsseite mit „interessiert“ markiert.  Die Ironie: Oft ohne zu wissen, dass es sich hier tatsächlich um Literatur samt dazugehöriger Lesung handelte. Was wollten mir diese Freunde also eigentlich damit sagen? Unsere Generation hält sich in großen Teilen für bindungsbehindert – und will das öffentlichkeitswirksam kundtun. Ist gestört jetzt wirklich geil?

Generation Beziehungsunfähig: Muss denn alles pathologisiert werden?

Mitte Zwanzigjährige, die glauben nach ein oder zwei gescheiterten Beziehungen und halbjährigem Single-Dasein gefühlsblind zu sein. Und Anfang Dreißigjährige, die nach dem Ende einer zehnjährigen Partnerschaft (!) Angst haben es mit einem anderen Menschen einfach nicht aushalten zu können. Muss denn heute alles pathologisiert werden?

Vielleicht vergleichen wir uns weiterhin zu sehr mit unseren Eltern, die mit Zwanzig verheiratet waren und an Haus und Kindern arbeiteten. In unserer Zeit ist das jedoch kaum möglich: Ein junges Leben geprägt von Praktika, befristeten Arbeitsverträgen, Zwischenmieten, WG-Leben und einem Höchstmaß an gefordertem akademischen und beruflichen Einsatz sowie Flexibilität. Technik und Digitalisierung: Alles ist schneller, alles ist lauter geworden. Ist es nicht normal in diesem Chaos die ewige Liebe nicht sofort finden zu können? Sollten wir uns vielleicht einfach mal entspannen? Die Abenteurer, die Mutigen, das sind heute die, die trotz alledem früh das Abenteuer Familie wagen.

Vielleicht entspricht es aber auch unserem Zeitgeist, nicht nur unseren zerissenen Jeans, sondern auch der eigenen Persönlichkeit das Label „Used“ aufzudrücken. Ein bisschen abgenutzt, ein bisschen verwegen, ein bisschen Berlin. Arm, aber sexy. Sind wir wirklich diese coolen, gefühlsarmen, kaputten Typen? Oder einfach nur unsicher und ängstlich wo es in dieser Welt der plötzlich endlosen Möglichkeiten mit uns hingehen soll? Ich möchte das Michael Nast einmal fragen – dem laut „Welt“ „Protoypen unserer Generation“.

Michael Nast: Wer hört ihm eigentlich zu?

In diesem Herbst ist Michael Nast mit seinem Buch erneut auf Tour, gestern besuchte er die Uni Hamburg. Und ich will wissen, wer da versucht meiner Generation diesen morbiden Stempel aufzudrücken. Und: Wer ihm dabei zuhört. Die Antwort treffe ich bereits auf dem Weg zum Audimax: Frauen-Rudel zwischen Mitte Zwanzig und Ende Dreißig. Die Füße stecken in hohen braunen Stiefeln, im Gesicht frisch nachgezogenes Make-up umrandet von auf Volumen geföhntem Haar. Die Prosecco Dose in der Hand kichern sie einem Abend mit dem smarten Literaten entgegen. Der Autor selbst ist übrigens bereits über 40 und frisch gebackener Single, wie er später gekonnt versehentlich verrät. Die Männerquote im holzvertäfeltem Saal: Sagen wir 20% – schön gerechnet. Kaschmir Pollunder, Intellektuellenbrille, grüne Steppjacke und übergroßer Schal sowie die Begleitung zweier bester Freundinnen scheint hier für die Herren Einlassbedingung zu sein. Als mitten in der Lesung ein tiefengebräunter Bodybuilder in weißem Tattooprint-Shirt an mir vorbei die Treppe hochschleicht, möchte ich aufstehen und applaudieren. Traue ich mich aber nicht, der Michael liest grad so schön.

Generation Beziehungsunfähig und das Dandytum der jungen Literaten

Denn, ja, leider: So schlimm ist der Mann gar nicht. Er ist sogar ganz gut. Glücklicherweise kann ich ihn von meinem weit entfernten Platz kaum erkennen. So entkomme ich der Gefahr mich wie die ersten zwölf Frauenreihen spontanzuverlieben – und was die Inhalte betrifft nicht mehr objektiv zu sein. Jaja, das Dandytum der jungen Literaten.

Nast liest also von den amourösen Abenteuern, Phänomen und Eskalationen unserer Zeit. Und all’ das wäre nicht so gut, wenn wir es nicht schon längst gehört, gewusst oder erlebt hätten. Er spricht von Freunden, die Tinder wie einen H&M Katalog benutzen: kaufen, tragen, wegwerfen. Von Mingles, die zu feige oder faul sind für den „Fuckbuddy“ Verantwortung zu übernehmen, aber am Sonntagabend trotzdem nicht alleine kochen wollen. Vom „Ghosting“, dem spurlosen zurücklassen des Partners ohne Chance auf die Antwort auf eine Nachricht und von der viel zu weit verbreiteten Praxis des ungeschützten Geschlechtsverkehr samt quälender Warte-Woche auf den HIV Test.

Achtung – Spoiler-Alarm – am lautesten lache ich als Nast eine seiner eigenen Geschichten erzählt. Auf einem Geburtstag trifft er Christina (!!!) in die er sich noch am selben Abend verliebt oder zumindest darauf hofft. Beide landen in seinem Bett und kurz nach dem Moment des höchstens Glückes sagt Sie zu ihm: „So!“, Nast macht eine traurige Kunstpause und nimmt einen tiefen Schluck aus seiner Bierflasche. „Nun habe ich endlich auch einmal was mit Michael Nast gehabt“. Nach diesem Satz verlässt Christina die Wohnung und der Autor bleibt weinend und in Embryohaltung gekrümmt in seinem leeren Bett zurück. Reihe 1-12 seufzt und lacht im Wechselspiel. Der Mann weiß aber auch was Frauen hören wollen…

Generation Beziehungsunfähig? Seid ihr ja gar nicht!

Generations Beziehungsunfähig Michael NastUnd ach ja, warum fand ich ihn am Ende dann nun doch gar nicht so schlecht? Weil er uns die beste Botschaft gleich zu Beginn des Abends mit auf den Weg gibt: „Ihr seid gar nicht Beziehungsunfähig“. Puh, Glück gehabt. Schuld an derartigen Labeln sind nämlich nur die bösen Medien. Warum müssten sie auch immer jeder neu auftauchenden Verhaltensweise einer Generation direkt einen Stempel aufdrücken? So zögen sie uns nur aus der Verantwortung: „Früher war man einfach ein Arschloch, heute ist das eben Ghosting“.

Mit Hilfe des Labels „Generation Beziehungsunfähig“ landete der Autor einen Bestseller und verkaufte tausende Tickets für seine Lesung. Vielleicht sind Label ja scheiße, aber sie füllen eben auch leere Zeitungseiten und Autorenportemonnaies.

Ich werde das Buch trotzdem kaufen.

Weitere Infos findet ihr auf der Webseite von Michael Nast.


Christina HollsteinChristina Hollstein ist leitende Redakteurin beim Reise-und Gourmetmagazin SAVOIR-VIVRE und schreibt über die Leiden des jungen Vegetariers – zwischen den Töpfen der gehobenen Küche. Denn ein wenig befremdlich fühlt es sich für sie immer noch an: Vegetarier-Sein ist Trend geworden. Nie gab es so viele Veggies  – und so viele Veggie-Gegner. Und Christina dazwischen. Was man von dieser Perspektive aus erlebt, ist oft mehr als einfach nur bizarr. Aber auch lustig. „Du bist was du isst“ ist zum Gesellschaftsthema geworden. Und darüber schreibt sie. Denn die schönsten Dinge des Lebens sind sowieso vegetarisch: Sex, Dessert und Winzersekt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

Comment *







*