Ein Pauschalurlaub fast ohne Klischees | Ein Selbstversuch

Pauschalurlaub Pauschalreise Marokko Erfahrung

Die Gurus und Piraten unter den Angeboten machen es möglich. Für 250 Euro eine Woche All Inclusive Urlaub in Nordafrika zu machen, klingt viel zu verlockend, als es aufgrund von Pauschalreisen-Klischees auszuschlagen – zumindest für eine Studentin wie mich. Aber schafft man es, zwischen fünf Mahlzeiten und mit All Inclusive Bändchen das Land zu entdecken?

von Carina Kaiser

Marokko liegt nicht unter den Top 10 der beliebtesten Reiseziele Deutschlands (nicht einmal Europas). Diese und die Tatsache, dass ich mich nach sorgenfreiem Erholungsurlaub sehnte, ließen meinen Freund und mich leichtsinnig die günstige Reise buchen. Unter anderem in der Hoffnung, unsere Vorurteile gegenüber Pauschalurlaubern würden sich auch einfach nicht bestätigen.

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Zwei Monate später liegen wir 3.300 km entfernt von Deutschland am Strand von Agadir. Das blaue Plastikarmband, dass mir hier im Hotel ausnahmslos alles zu erlauben scheint, kratzt an meinem rechten Handgelenk entlang. Ich habe versucht, es kunstvoll mit meinen goldenen Armreifen zu überdecken.

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Andere Pauschalurlauber wuseln unentschlossen um uns herum. Nachdem sie ihre sorgfältig reservierte Liege mit Handtuch und Bildzeitung gefunden haben, rücken sie diese in den Schatten, wieder in die Sonne und zurück in den Schatten. Eine braun gebrannte Frau bittet ihren Mann einen Cocktail von der Hotelbar zu organisieren, denn das Essen vom Mittagsbuffet liege ihr so schwer im Magen. Ich verdrehe innerlich die Augen.

Die Pauschalreise ist wie der weite Hoodie unter den kurzen Tops. Komfortabler und sorgenfreier. Mit ihm fühlt man sich beschützter, weil man unter den Anderen kaum auffällt. Seit den 90ern ist die Pauschalreise das ersehnte Rundum Sorglos Paket, insbesondere für ältere Menschen und Familien, die in dem Gewirr von Preisen und Angeboten lieber auf Nummer sicher gehen wollen und sich bei Problemen auf den Veranstalter beziehen können.

Der Trend um das Gesamtpaket hat zwar abgenommen, ist immer noch allgegenwärtig. Selbst wenn die gebuchte Reise eher auf den Massengeschmack abgerichtet ist, liegt es am Ende des Tages jedem selber überlassen, wie sehr man sich auf die Klischeefalle einlässt.Pauschalurlaub Pauschalreise Marokko Erfahrung

Auf den ersten Blick bin ich allerdings erst einmal einer von ihnen. Mit Plastikarmband gefesselt an die Hotelanlage und am Strand abzäunt von anderen Urlaubern.

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Zwischen Helene Fischer und der fehlenden Gabel

Nach einem Frühstück mit warmen marokkanischen Sfenj (süße Hefekringel, die aussehen wie etwas unförmige Donuts) und Minztee beschließen mein Freund und ich, unser Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Das hoteleigene Aktivitäten-Board kommt dafür grundsätzlich nicht infrage. Vor allem nicht nach vergangenem Karaoke-Abend mit betrunkener Seniorin im Minirock und Helene Fischer Ambitionen, die auf der Bühne stolperte und ins Mikrofon lallte.

Pauschalurlaub Pauschalreise Marokko ErfahrungAnstatt uns an den Strand zu legen, beschließen wir den Urlaub genau so einzigartig zu gestalten, als hätten wir ihn individuell gebucht. Wir befreunden uns mit Said, einem einfachen marokkanischen Ladenbesitzer, der seine weiße Bastmütze und seine Sonnenbrille nie absetzt. Nach einer quicken Zusammenfassung über die Historie seines Landes und dessen Königs, fährt er mit uns an den geheimen Surferstrand im Nachbardorf. Neben Auswanderern sehen wir hier zum ersten Mal keine Deutschen Touristen. Wir verbringen den Tag mit Wellen surfen und dem beobachten von Kamelen. Zum Lunch gibt es traditionelle Fisch-Tajine – der besten Fisch, den ich je gegessen habe.

Am Abend verschlägt es uns zum Buffet. Pizza, Pommes und Sushi findet sich auf den vollen Tellern der ausgehungerten Urlauber wieder.Pauschalurlaub Pauschalreise Marokko Erfahrung

Neben einer älteren Dame, die zögerlich einen kleinen Löffel auf ihren Teller hievt, sind wir die Einzigen, die sich an den marokkanischen Köstlichkeiten bedienen. Ein Herr in Shorts und Hemd fuchtelt aufgeregt mit einer Gabel vor dem Gesicht des Kellners herum und wiederholt sich „Noch eine Gabel, noch eine Gabel“. Hat er vergessen, wo wir sind?

Peinlich berührt verlassen wir das Areal und schlendern mit Pistazieneis an der Strandpromenade entlang zum Riesenrad. Samstags zieht es alle Einwohner auf die Straßen, da der Sonntag ihr einzig freier Tag der Woche ist. Zwischen Familien mit spielenden Kindern, die glücklich ihr Popcorn genießen, fühlen wir uns richtig wohl.

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Obligatorische Kulturerfahrungen

Die All-Inclusive-Tour am nächsten Tag ist fast ausgebucht. Es bietet sich ja an, den Komfort beizubehalten und für 70 Mücken in einem Bus voller Touris in die nächstgelegene Stadt zu fahren. Zu Hause kann man dann erzählen, man habe von dem schönen Marokko natürlich alles gesehen (der Blick aus dem Reisebus zählt ja auch).

Sogar im Hotel stellen Händler zweimal die Woche ihre bunten Stände auf, um einen Souk – ein berühmter Markt und Kennzeichen der arabischen Kultur – originalgetreu nachzustellen.

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Da kann uns die dreieinhalbstündige Bustour nach Marrakesch – für umgerechnet 9 Euro, mehr Kultur bieten. In Medina beobachten wir das bunte Treiben. In der Luft vermischt sich der Geruch von seltenen Gewürzen und frischem Minztee. Auf dem berühmten Gauklerplatz, dem Djemaa el Fna beobachten wir Schlangenbeschwörer und Musiker. (Oh so schön ist Marrakesch!)

Nach einem langen Tag voller neuer Eindrücke kehren wir zurück ins Hotel. Vorbei an der überfüllten Bar, den reservierten Liegen und Helene Fischer Melodien.

Mittlerweile lachen wir drüber. Denn trotz abgewickelter Reise haben wir in wenigen Tagen das Land und seine herzlichen Einwohner und Traditionen kennenlernen dürfen. Diese Erfahrung nehmen wir mit nach Hause. Letztendlich bleibt es jedem Reisenden selber überlassen, ob seine eindrückliche Erinnerung der Blick auf den Pool oder den abgelegenen Surferstrand bleibt. Pauschalreise hin oder her.

Fotos: © Carina Kaiser

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